Der Kuckuckstein – Fels mit dem Sonnenauge
Vierhundert Meter nördlich des Hochsteins steht ein Granitblock, dessen Form an einen Vogelkopf erinnert – die meisten erkennen einen Adler. In diesem Kopf sitzt eine Öffnung, die wie ein Auge wirkt. Entstanden ist sie von selbst. Und um die Wintersonnenwende steht die Mittagssonne genau darin.

Wie der Sonnenstand über das Jahr wandert
Ein Spalt, der auf den Dezember zeigt
Die Öffnung ist nicht gemeißelt, sie ist gebrochen. Die obere Platte des Felsens hat einen Riss bekommen, und das abgetrennte Stück ist um einige Zentimeter verrutscht. Zwischen den beiden Bruchflächen blieb ein Spalt stehen – und durch den sieht man hindurch.
Wohin dieser Spalt zeigt, hat lange niemand systematisch gemessen. Erst 2007 beschrieben Hilmar Hensel und Ralf Herold die Ausrichtung: Sie trifft die Mittagssonne zur Wintersonnenwende. An mehreren Tagen um den 21. Dezember steht die Sonne mittags genau in der Öffnung.
Neu war das Interesse nicht. Schon 1937 untersuchte die Universitätssternwarte Leipzig den Felsen als mögliches Sonnenheiligtum. 2008 gründete die Volks- und Schulsternwarte „Bruno H. Bürgel“ in Sohland an der Spree eine Arbeitsgruppe Archäoastronomie, die den Kuckuckstein und weitere Felsen der Oberlausitz untersucht.
Angelegt hat den Spalt also niemand. Ob Menschen ihn genutzt oder verehrt haben, ist nicht bewiesen. Belegt ist die Ausrichtung – und dass der Zufall hier ausgerechnet auf den kürzesten Tag des Jahres zeigt.
Granit, älter als jede Geschichte
Der Kuckuckstein besteht aus Königshainer Granit und gehört zum Görlitzer Massiv, das sich unter rund 200 Quadratkilometern der Oberlausitz erstreckt. Der Granit erstarrte vor etwa 320 Millionen Jahren tief in der Erde; erst die Verwitterung hat ihn freigelegt und zu den gerundeten, gestapelten Blöcken geformt, die hier oben überall stehen.
Auffällig ist der hohe Anteil an Kalifeldspat – er gibt dem Stein den hellen, fast rötlichen Ton, den man an frischen Bruchflächen sieht.
Wie unsere Felsenlandschaft entstanden ist
Warum liegen hier Platten übereinander wie gestapeltes Brot, und warum rundet sich der Stein an den Kanten? Zwei Filme erzählen die Vorgeschichte dieser Landschaft – gedreht nicht bei uns, aber es ist dasselbe Gestein und dieselbe Geschichte.
Wie Felsgebilde wie diese entstehen – am Beispiel der Felsenstadt Jonsdorf.
Wie der Hausberg von Görlitz entstanden ist.
Beide Filme: © Matthias Knappe, produziert im Auftrag der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung.
Die Filme liegen bei YouTube. Erst mit einem Klick auf „Film laden“ wird eine Verbindung dorthin aufgebaut – vorher wird nichts von Ihnen übertragen.
Seit 1780 auf dem Papier
Ein Kupferstich von Carl Adolph Gottlob von Schachmann, dem Königshainer Gutsherrn, zeigt den Kuckuckstein bereits 1780 – und zwar in genau der Form, in der er heute dasteht. In fast 250 Jahren hat sich an ihm nichts verändert, was das Auge sehen könnte.
1828 vermutete Karl Benjamin Preusker in benachbarten Steinen heidnische Opferaltäre eines Sonnenkults. Beweise dafür gibt es nicht. Was es gibt, sind zahlreiche archäologische Funde aus den Königshainer Bergen, die bis in die Steinzeit zurückreichen: Menschen waren hier oben früh unterwegs.
Der Kuckuck war der Teufel
„Kuckuck“ war in der älteren Volkssprache ein verhüllender Ausdruck für den Teufel – man nannte ihn nicht beim Namen. Wer den Stein so taufte, meinte also womöglich keinen Vogel.
Dazu passt die Nachbarschaft: Wenige Hundert Meter weiter steht der Teufelsstein, um den sich die Sage rankt, nach der unsere Hochsteinkirmes benannt ist. Und vom Kuckuckstein wird erzählt, dass am Johannistag Erdmännchen über die Felsen tanzen.
Wie so oft bei Flurnamen lässt sich das nicht beweisen. Es ist eine Deutung, keine Urkunde.
Zehn Minuten von unserer Tür
Der Kuckuckstein liegt am Wanderweg zwischen der Baude und dem früheren Bahnhof Königshain – der Wegweiser am Kamm zeigt ihn mit 400 Metern an. Vom Hochstein aus geht es nach Norden leicht bergab. Wer die erste Etappe des Jakobswegs läuft, kommt ohnehin daran vorbei.
Häufige Fragen
Wann genau steht die Sonne im Auge?
Um die Wintersonnenwende, also um den 21. Dezember, jeweils mittags. Das Phänomen ist an mehreren Tagen zu sehen, nicht nur an einem.
Kann man das Loch auch sonst sehen?
Ja, der Felsen ist ganzjährig frei zugänglich und das Sichtloch jederzeit erkennbar. Nur die Sonne steht eben zu anderen Zeiten woanders.
Ist der Kuckuckstein wirklich ein Sonnenkalender?
Gemessen ist die Ausrichtung auf die Mittagssonne zur Wintersonnenwende. Angelegt hat den Spalt aber niemand: Er ist entstanden, als die Deckplatte brach und das abgetrennte Stück verrutschte. Ob Menschen ihn später genutzt haben, ist nicht bewiesen – dazu fehlen schriftliche Quellen.
Darf man auf den Felsen klettern?
Bitte nicht. Die Felsen der Königshainer Berge sind empfindlich, und der Kuckuckstein ist ein Einzelstück. Von unten sieht man das Auge ohnehin am besten.
Erst der Stein, dann die Einkehr
Nach dem Abstecher zum Kuckuckstein sind es nur ein paar Minuten zurück zur Baude. Warme Küche während der Öffnungszeiten, Kaffee und Kuchen am Nachmittag.